Mittwoch, 3. September 2014

Studieren & Genießen

Nachdem ich meine erste Woche in Berkeley hauptsächlich in den Wohngegenden verbracht habe, war ich nun die letzten Tage viel auf dem Campus unterwegs. Berkeleys Campus ist riesengroß und übrigens der älteste in Kalifornien, auf 72ha befinden sich unzählige Universitätsgebäude, teilweise wunderschöne Gründerzeitbauten und zwischendurch weniger ästhetische Neubauten, sowie zahlreiche Cafés, eingebettet in einen Traum aus grünen Wiesen und Bäumen sowie einem kleinen Bach. Von überall aus zu erblicken ist der Campanile Tower, auch Sather Tower, von dessen Spitze der Blick unschlagbar sein soll – wenn das Wetter weitere Sicht zulässt, werde ich ihn mal erklimmen, meist ist die Bay ist nämlich von Nebel überdeckt, morgens und an manchen Tagen wie heute schleicht er sich durch die Hügel auch hinunter bis in die Stadt. Außerdem befinden sich am Rand des Campus zwei Stadien, das Recreational Center und ein Kino. Ich mag den Campus sehr gerne, denn es ist immer was los, an jedem Tag der Woche. Insbesondere zwischen den Kursen sind alle Wege gesäumt von Studierenden auf dem Weg zum nächsten Kurs und auf dem südlichen Platz am Eingang des Campus stellen sich zur Zeit jeden Tag zahlreiche Studierendenorganisationen vor, oft hört man auch Chöre, Bands oder Trommlergruppen von irgendwo spielen. Anders als ich es aus Deutschland kenne, gibt es hier kein akademisches Viertel, sondern nur Berkeley Time, die zehn Minuten hinter der Zeit ist. Das bedeutet aber auch, dass man zwischen den Kursen immer nur diese zehn Minuten hat, um die Räume zu wechseln, und das kann schonmal einen kleinen zügigen Marsch quer über den Campus bedeuten.

Was die Kurswahl angeht, so ist es hier üblich, sich über das Onlinesystem für ein paar Kurse einzuschreiben, und zwar meist mehr, als man plant wirklich zu belegen. Dadurch sind die Kurse natürlich alle überfüllt und die Wartelisten voll. In den ersten Wochen wird dann erstmal „shopping“ betrieben, was bedeutet, dass sich alle die Kurse anschauen, die sie interessant finden, und sich dann entscheiden, in welchen sie bleiben wollen. Bis zu einer bestimmten Frist muss man seine endgültige Wahl getroffen haben, und bis dahin lohnt es sich also auch in die Kurse zu gehen, die überfüllt zu sein scheinen, da man mit unterschiedlicher hoher Wahrscheinlichkeit nachrücken könnte. Da es hier so viele interessante Kurse gibt, sahen meine beiden Unitage am Donnerstag und heute dementsprechend so aus, dass ich von morgens bis abends in Kursen war und mich nun entscheiden muss, welche ich belegen möchte. Ich muss ein Minimum von 12 Units erfüllen, was etwa 3 bis 4 Kursen entspricht, um meinen Visumstatus aufrecht zu erhalten, und damit bin ich auch gut ausgelastet. Ich war am Donnerstag schlicht erschlagen von den vielen Anforderungen. Für jeden Kurs muss man zunächst mal viel, viel, viel lesen, viel mehr als ich es aus Deutschland gewohnt bin; da handelt es sich in meinem Studium meist um höchstens ein Lehrbuchkapitel. Hier hingegen sind je nach Kurs ein bis mehrere Lehrbuchkapitel, teilweise sogar ein Buch, und/oder bis zu vier Paper pro Termin angesetzt. Auch die Benotung unterscheidet sich sehr von der, die ich aus Münster kenne: jeder Professor kann sich selbst überlegen, was er mit wieviel Gewicht einfließen lassen möchte. Meist gibt es ein bis mehrere midterms, die final exams oder eine Hausarbeit. Darüber hinaus werden Anwesenheit und Mitarbeit, Quizantworten, Aufsätze, Projektarbeiten, Zusammenfassungen von Material, thought papers, problem sets oder Literaturrecherche verlangt und benotet. Die genauen Anforderungen sowie Inhalte und Termine sind in einem Syllabus zusammengefasst, der in der ersten Veranstaltung verteilt wird. Alles in allem scheinen die Kurse also sehr viel intensiver zu sein, sowohl inhaltlich als auch den Arbeitsaufwand betreffend.
Sehr nützlich finde ich, dass es in Berkeley mehrere Student Stores  gibt, von denen einer unter anderem Schreibartikel und Bücher verkauft. Das bedeutet, dass der ganze Laden aus Bücherregalen besteht, die nach Fachbereichen geordnet sind. Für jeden Kurs sind alle verlangten Bücher verfügbar, und zwar nicht nur neu, sondern auch gebraucht oder online und jeweils mit der Option, sie für ein Semester zu „mieten“. Vielleicht gibt es sowas auch in Münster, aber gesehen und gebraucht habe ich es bisher nicht.
Jedenfalls führt meine derzeitige Situation zu einem inneren Konflikt: einerseits möchte ich akademisch so viel wie möglich mitnehmen, was die Bandbreite und Anzahl der Kurse angeht, schließlich ist die UC Berkeley eine der besten Universitäten, angeblich die beste öffentliche Universität in den USA. Doch gleichzeitig kann ich den Arbeitsaufwand bei meinem Minimum von 12 Units schon kaum absehen und weiß, dass alles, was ich darüber hinaus wähle, mir die Zeit nehmen wird, die ich in Berkeley und San Francisco mit Freunden, Sport und all den Dingen verbringen könnte und möchte, die ich schon so lange mal wieder tun wollte – mal wieder ein Buch lesen, Klavier spielen, durch die Straßen treiben lassen und fünf vielleicht auch mal gerade sein lassen. Die nächsten Tage werden zeigen, wie ich den Konflikt lösen werde.

Dem aufmerksamen Leser mag an dieser Stelle aufgefallen sein, dass all das ja nur an zwei Tagen passiert ist – das lange Wochenende habe ich gekonnt genutzt, um mich mit nichts von alledem zu beschäftigen! 

Am Donnerstagabend war eine Rally im Memorial Stadium für die neuen Studierenden, bei der sich die Spirit-Groups präsentiert haben. Was mir vorher kein Begriff war, erkannte ich nun wieder aus Filmen und konnte nicht glauben, dass es das wirklich gab. Auf dem Rasen waren die zwei Cheerleading-Teams, das Maskottchen Oski the Bear und die Marching Band der UCB versammelt, die die Hymne (!) der Universität zum Besten gab. Drei Moderatoren heizten die Menge an und brachten ihr die Schlachtrufe für die kommenden Footballspiele bei. Schließlich hielt ein Physikprofessor eine pathetische Rede, bei der ich mir ein bisschen fehl am Platz vorkam, da sie sich vor allem an die Freshmen und Transfer Students richtete, die vier beziehungsweise zwei Jahre an der Cal (ein weiterer Spitzname der UC Berkeley) bleiben würden. Die Essenz der Rede und der Veranstaltung war deutlich: Cal ist eine Gemeinschaft, und jeder ist von Anfang an Teil dieser Gemeinschaft. So verschieden die Studierenden sind und so verschieden die Ansichten sein mögen, so haben alle eines gemeinsam: auf den Sieg der Golden Bears (vermutlich in allen Disziplinen) zu hoffen! Wer hier studiert, sagt nicht „I am studying at UC Berkeley“ sondern „We are Bears!“.
Der aufmerksame Bebachter entdeckt auch Oski am rechten Bildrand.
Am Freitag fand eine kleine Willkommensveranstaltung für alle Psychologie Hauptfächler statt und abends ein Outdoor-Movie des Studierendenparlaments auf einer Wiese auf dem Campus – ein Event mit rießengroßer Leinwand, kostenlosem Popcorn und vor allem großartiger Stimmung, während Back to the Future und Pitch Perfect gezeigt wurden. Samstag entschied ich mich bei Lindy on Sproul vorbeizuschauen – jeden Samstagmittag treffen sich ein paar Studierende auf dem Platz am südlichen Campuseingang, drehen Musik auf und tanzen Lindy Hop. Nachdem ich die Grundschritte gelernt hatte, war Social Dancing angesagt – jeder tanzt mit jedem, jeder kann führen oder sich führen lassen. Ich kann jedem, der es nicht schon tut, nur empfehlen, Lindy Hop zu tanzen – für mich war das der Inbegriff von Leichtigkeit, Freude und Spaß. Und eine gute Möglichkeit, amerikanische Studierende zu treffen (bei den bisherigen Veranstaltungen waren meist viele internationale Studierende).


Außerdem hat Jed, mein Gastvater, mir hoch auf den Hügeln die Aussicht  gezeigt und abends einen Klassiker der amerikanischen Filmgeschichte – Blues Brothers.

Berkeley von oben - und ganz im Nebel versunken im Hintergrund San Francisco.
Da ist sie, die Golden Gate Bridge!
Am Sonntag habe ich spontan beschlossen, den Tag in San Francisco zu verbringen – in 25 Minuten ist man mit der BART dort. Dadurch konnte ich in Ruhe ein paar schöne und die typischen sehr steilen Straßen entlanglaufen, mich durchs Getümmel treiben lassen, im Spielautomatenmuseum herumschlendern, Seelöwen und natürlich den Blick auf den Pazifik bestaunen. Und das alles ohne Eile, da ich jederzeit wieder hinfahren kann, um all die anderen Ecken dieser wunderbaren Stadt zu entdecken!

Nein, da ist sie nicht, die Golden Gate Bridge, das ist die Bay Bridge, die Oakland und San Francisco verbindet.
Pier 39 in der Nähe des bekannten Fisherman's Wharf und im Hintergrund Alcatraz - Tourismus pur!












Und schließlich haben ein paar Freunde und ich den sonnigen Labor Day im Tilden Park verbracht, einem wunderschönen und riesigen Park, der über Berkeley thront, einen Badesee und einige Grillplätze bietet, und haben dort ein fabelhaftes BBQ veranstaltet.


Das war es für heute, bis zum nächsten Mal!

P.S.: Ich möchte niemanden langweilen, wenn euch also etwas nicht interessant erscheint, überspringt den Absatz und gebt mir gerne Rückmeldung über zu langatmige Passagen!

1 Kommentar:

  1. hi sarah, dein blog liest sich sehr gut, dein schreibstil gekonnt und mitreißend.
    wow, du erlebst ja abenteuer pur. all die eindrücke, die wir aus hollywoodfilmen kennen, kannst du nun persönlich erleben. ich freue mich darauf, wie es weitergeht.......schreibe nur weiterhin so ausführlich, es liest sich alles ehr spannend. all the best, dein onkel robert (aus dem feucht-kalten münchen)

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