Was die Kurswahl angeht, so ist es hier üblich, sich über
das Onlinesystem für ein paar Kurse einzuschreiben, und zwar meist mehr, als
man plant wirklich zu belegen. Dadurch sind die Kurse natürlich alle überfüllt
und die Wartelisten voll. In den ersten Wochen wird dann erstmal „shopping“
betrieben, was bedeutet, dass sich alle die Kurse anschauen, die sie
interessant finden, und sich dann entscheiden, in welchen sie bleiben wollen.
Bis zu einer bestimmten Frist muss man seine endgültige Wahl getroffen haben,
und bis dahin lohnt es sich also auch in die Kurse zu gehen, die überfüllt zu
sein scheinen, da man mit unterschiedlicher hoher Wahrscheinlichkeit nachrücken
könnte. Da es hier so viele interessante Kurse gibt, sahen meine beiden Unitage
am Donnerstag und heute dementsprechend so aus, dass ich von morgens bis abends
in Kursen war und mich nun entscheiden muss, welche ich belegen möchte. Ich
muss ein Minimum von 12 Units erfüllen, was etwa 3 bis 4 Kursen entspricht, um meinen
Visumstatus aufrecht zu erhalten, und damit bin ich auch gut ausgelastet. Ich
war am Donnerstag schlicht erschlagen von den vielen Anforderungen. Für jeden
Kurs muss man zunächst mal viel, viel, viel lesen, viel mehr als ich es aus
Deutschland gewohnt bin; da handelt es sich in meinem Studium meist
um höchstens ein Lehrbuchkapitel. Hier hingegen sind je nach Kurs ein bis
mehrere Lehrbuchkapitel, teilweise sogar ein Buch, und/oder bis zu vier Paper pro
Termin angesetzt. Auch die Benotung unterscheidet sich sehr von der, die ich
aus Münster kenne: jeder Professor kann sich selbst überlegen, was er mit
wieviel Gewicht einfließen lassen möchte. Meist gibt es ein bis mehrere midterms,
die final exams oder eine Hausarbeit. Darüber hinaus werden Anwesenheit und Mitarbeit,
Quizantworten, Aufsätze, Projektarbeiten, Zusammenfassungen von Material, thought
papers, problem sets oder Literaturrecherche verlangt und benotet. Die genauen
Anforderungen sowie Inhalte und Termine sind in einem Syllabus zusammengefasst,
der in der ersten Veranstaltung verteilt wird. Alles in allem scheinen die
Kurse also sehr viel intensiver zu sein, sowohl inhaltlich als auch den
Arbeitsaufwand betreffend.
Sehr nützlich finde ich, dass es in Berkeley mehrere Student
Stores gibt, von denen einer unter
anderem Schreibartikel und Bücher verkauft. Das bedeutet, dass der ganze Laden aus
Bücherregalen besteht, die nach Fachbereichen geordnet sind. Für jeden Kurs
sind alle verlangten Bücher verfügbar, und zwar nicht nur neu, sondern auch
gebraucht oder online und jeweils mit der Option, sie für ein Semester zu „mieten“.
Vielleicht gibt es sowas auch in Münster, aber gesehen und gebraucht habe ich es
bisher nicht.
Jedenfalls führt meine derzeitige Situation zu einem inneren
Konflikt: einerseits möchte ich akademisch so viel wie möglich mitnehmen, was
die Bandbreite und Anzahl der Kurse angeht, schließlich ist die UC Berkeley eine
der besten Universitäten, angeblich die beste öffentliche Universität in den USA. Doch gleichzeitig kann ich den Arbeitsaufwand bei meinem Minimum von
12 Units schon kaum absehen und weiß, dass alles, was ich darüber hinaus wähle,
mir die Zeit nehmen wird, die ich in Berkeley und San Francisco mit Freunden, Sport
und all den Dingen verbringen könnte und möchte, die ich schon so lange
mal wieder tun wollte – mal wieder ein Buch lesen, Klavier spielen, durch die
Straßen treiben lassen und fünf vielleicht auch mal gerade sein lassen. Die
nächsten Tage werden zeigen, wie ich den Konflikt lösen werde.
Dem aufmerksamen Leser mag an dieser Stelle aufgefallen
sein, dass all das ja nur an zwei Tagen passiert ist – das lange Wochenende
habe ich gekonnt genutzt, um mich mit nichts von alledem zu beschäftigen!
Am Donnerstagabend war eine Rally im Memorial Stadium für
die neuen Studierenden, bei der sich die Spirit-Groups präsentiert haben. Was
mir vorher kein Begriff war, erkannte ich nun wieder aus Filmen und konnte
nicht glauben, dass es das wirklich gab. Auf dem Rasen waren die zwei
Cheerleading-Teams, das Maskottchen Oski the Bear und die Marching Band der UCB
versammelt, die die Hymne (!) der Universität zum Besten gab. Drei Moderatoren
heizten die Menge an und brachten ihr die Schlachtrufe für die kommenden
Footballspiele bei. Schließlich hielt ein Physikprofessor eine pathetische
Rede, bei der ich mir ein bisschen fehl am Platz vorkam, da sie sich vor allem
an die Freshmen und Transfer Students richtete, die vier beziehungsweise zwei
Jahre an der Cal (ein weiterer Spitzname der UC Berkeley) bleiben würden. Die
Essenz der Rede und der Veranstaltung war deutlich: Cal ist eine Gemeinschaft,
und jeder ist von Anfang an Teil dieser Gemeinschaft. So verschieden die
Studierenden sind und so verschieden die Ansichten sein mögen, so haben alle
eines gemeinsam: auf den Sieg der Golden Bears (vermutlich in allen
Disziplinen) zu hoffen! Wer hier studiert, sagt nicht „I am studying at UC
Berkeley“ sondern „We are Bears!“.
| Der aufmerksame Bebachter entdeckt auch Oski am rechten Bildrand. |
Am Freitag fand eine kleine Willkommensveranstaltung für
alle Psychologie Hauptfächler statt und abends ein Outdoor-Movie des Studierendenparlaments
auf einer Wiese auf dem Campus – ein Event mit rießengroßer Leinwand,
kostenlosem Popcorn und vor allem großartiger Stimmung, während Back to the Future und Pitch Perfect gezeigt wurden. Samstag entschied ich mich bei Lindy on Sproul
vorbeizuschauen – jeden Samstagmittag treffen sich ein paar Studierende auf dem
Platz am südlichen Campuseingang, drehen Musik auf und tanzen Lindy Hop.
Nachdem ich die Grundschritte gelernt hatte, war Social
Dancing angesagt – jeder tanzt mit jedem, jeder kann führen oder sich führen
lassen. Ich kann jedem, der es nicht schon tut, nur empfehlen, Lindy Hop zu
tanzen – für mich war das der Inbegriff von Leichtigkeit, Freude und Spaß. Und
eine gute Möglichkeit, amerikanische Studierende zu treffen (bei den bisherigen Veranstaltungen waren meist viele internationale Studierende).
Außerdem hat Jed, mein Gastvater, mir hoch auf den Hügeln die
Aussicht gezeigt und abends einen
Klassiker der amerikanischen Filmgeschichte – Blues Brothers.
| Berkeley von oben - und ganz im Nebel versunken im Hintergrund San Francisco. |
| Da ist sie, die Golden Gate Bridge! |
Am Sonntag habe ich spontan beschlossen, den Tag in San
Francisco zu verbringen – in 25 Minuten ist man mit der BART dort. Dadurch
konnte ich in Ruhe ein paar schöne und die typischen sehr steilen Straßen entlanglaufen, mich durchs Getümmel
treiben lassen, im Spielautomatenmuseum herumschlendern, Seelöwen und natürlich den Blick auf den Pazifik bestaunen. Und
das alles ohne Eile, da ich jederzeit wieder hinfahren kann, um all die anderen
Ecken dieser wunderbaren Stadt zu entdecken!
| Nein, da ist sie nicht, die Golden Gate Bridge, das ist die Bay Bridge, die Oakland und San Francisco verbindet. |
| Pier 39 in der Nähe des bekannten Fisherman's Wharf und im Hintergrund Alcatraz - Tourismus pur! |
Und schließlich haben ein paar Freunde und ich den sonnigen Labor Day im Tilden Park verbracht, einem wunderschönen und riesigen Park, der über Berkeley thront, einen Badesee und einige Grillplätze bietet, und haben dort ein fabelhaftes BBQ veranstaltet.
Das war es für heute, bis zum nächsten Mal!
P.S.: Ich möchte niemanden langweilen, wenn euch also etwas nicht interessant erscheint, überspringt den Absatz und gebt mir gerne Rückmeldung über zu langatmige Passagen!
hi sarah, dein blog liest sich sehr gut, dein schreibstil gekonnt und mitreißend.
AntwortenLöschenwow, du erlebst ja abenteuer pur. all die eindrücke, die wir aus hollywoodfilmen kennen, kannst du nun persönlich erleben. ich freue mich darauf, wie es weitergeht.......schreibe nur weiterhin so ausführlich, es liest sich alles ehr spannend. all the best, dein onkel robert (aus dem feucht-kalten münchen)