Rückblickend habe ich vor allem viel getanzt in den letzten Tagen – am Mittwoch
hat mich Faye, die Tochter der Familie, bei der ich wohne, mitgenommen zum
Contra Dance. Sie selbst hat dies als Inbegriff amerikanischer Tanzkultur
beschrieben, die man nirgendwo auf der Welt in dieser Form wiederfindet. Kennzeichnend
für Contra Dance ist, dass immer zu Live Musik getanzt wird, meist irischer
Folkmusik. Für jeden Tanz sucht man sich einen Partner und stellt sich in zwei
Reihen nebeneinander auf. Bevor es losgeht beschreibt ein Ansager die Schritte,
und dann wird vor allem viel gedreht – umeinander, miteinander, um sich selbst.
Um dabei keinen Drehwurm zu bekommen,
schaut man seinem Partner stetig in die Augen, was am Anfang seltsam für mich
war, aber sich schnell als unabdingbare Notwendigkeit herausstellte. Die
Kombinationen werden meist zu viert getanzt, und mit Ende jeder Schrittabfolge
tanzt man mit dem nächsten Paar, und das solange, bis man wieder an seiner
Ausgangsposition ist. So kompliziert das zunächst einmal klingt, ist es anfangs
tatsächlich auch, doch sobald man sich in das Gewirr aus drehenden Menschen eingefunden
hat und weiß, wann man mit wem tanzen sollte, macht es wahnsinnig viel Spaß.
Besonders interessant war, wie verschieden das Publikum war – von Studierenden
über Mittvierziger bis hin zu Senioren war alles dabei, wobei der
Altersdurchschnitt bestimmt bei fünfzig lag. Gemeinsam hatten die meisten nur, dass
sie nichts gemeinsam hatten, einzig die alternative Haltung jedes einzelnen war sichtbar.
Abgesehen vom Zumba und Hip Hop tanzen im Recreational
Center war ich am Samstag und Sonntag noch bei Auditions für zwei Tanzgruppen.
Gar nicht so sehr, weil ich unbedingt aufgenommen werden wollte, sondern
vielmehr, um mir so eine Audition mal anzusehen – auch das ist ja etwas, was
man aus den amerikanischen College-Filmen kennt. Eigentlich wollte ich auch einem
Chor beitreten, aber für jeden einzelnen hätte man in Auditions vorsingen
müssen und aufgrund meiner nichtvorhandenen Chorerfahrung und meinem begrenzten
Talent habe ich mich das nicht getraut. Die Auditions für die Tanzgruppen waren
auf jeden Fall sehr aufregend – nach gemeinsamen Aufwärmen haben alle Bewerber,
meist etwa 50 an der Zahl, eine kurze Choreographie gelernt und mussten
diese dann in kleinen Gruppen vor den Choreographen vortanzen. Auch wenn es nicht geklappt hat –
aufregend war es in jedem Fall.
| Die Audition für Jazzdance vor dem Haas Pavillon |
| die Nachbarstädte Emeryville und Oakland, und in der Ferne - wie immer, San Francisco |
| Wenn man den Campanile Tower sieht, weiß man, wo der Campus liegt. |
An diesem Samstag war auch das Eröffnungsspiel der Saison im
California Memorial Stadium, das ich leider verpasst habe. Mitbekommen habe ich
aber das Drumherum – das Aufheizen der Menge auf dem Campus mit Marching Band, Cheerleadern und viel blau und gold, die fliegenden
Händler um das Stadium herum, die ihre Würstchen, Crêpes und Limonade
verkaufen, und die Verbindungspartys in
ausnahmslos jeder Fraternity und Sorrority. Auch das ist übrigens wie man es
aus den Filmen kennt – es gibt eine Straße, auf der fast alle Verbindungshäuser
nebeneinander liegen und alle haben griechische Buchstaben als Namen.
Am Sonntag habe ich Angel kennen gelernt, eine Couchsurferin, die ich vor drei Wochen verzweifelt angeschrieben
habe und die damals schrieb, dass sie zur Zeit in Brasilien
sei aber mir gerne mal die Stadt zeigen würde. Zusammen mit einem Freund von ihr aus Venezuela,
Emmanuel, der in San José arbeitet, sind also wir drei, aus drei verschiedenen
Kontinenten kommend, Angel ist aus China, zu einer Sambaparty nach San
Francisco gefahren. Am Sonntag war nämlich Brasiliens Independence Day und das
wurde in einer Bar in San Francisco, direkt am Wasser, groß gefeiert. Wir drei
hatten dort einen fabelhaften Nachmittag, den wir in einem kleinen, sehr zu
empfehlenden Sushi Lokal mitten in einer Wohngegend in San Francisco haben
ausklingen lassen.
Abgesehen von viel Tanzerei war ich noch bei einer Quiz
Night über Cal und habe – tätärätä – eine Berkeley Tasse gewonnen! Unser Team, the
rhinoceroses (zwei meiner Mitstreiter waren Theaterstudenten, die dieses
Semester ein Stück einüben, in dem sich alle Menschen in Nashörner verwandeln),
war offensichtlich am drittbesten über Akronyme, Gebäude, Alumni und Cal in der
Popkultur informiert. Eindruck hinterlassen hat bei mir vor allem, dass der
Campus in der Monster Uni zumindest teilweise von Berkeleys Campus inspiriert
worden ist! Apropos Filme – Jed, mein Gastvater, hat mir noch einen weiteren
amerikanischen Filmklassiker gezeigt, der mich sehr berührt hat: October Sky.
Aber das nur am Rande.
Zu guter Letzt haben sich letzte Woche an zwei Tagen einige
der etwa 1500 Studierenorganisationen auf dem Campus vorgestellt, Calapalooza nennt sich dieses Event. Es ist
wahnsinn, wie viele verschieden Clubs es hier gibt. Die internationalen
Studierenden, die in großer Zahl vertreten sind, haben ihre eigenen Vereine - dementsprechend
gibt es viele asiatische Vereine, denn die asiatischen Studierenden bilden die
Mehrheit in Berkeley. Außerdem gibt es politische Vereine, Kunstvereine, akademische
Vereine, Vereine für gesellschaftliches Engagement, viele Vereine für
Mentoring, Unizeitschriften, Unternehmensberatungen, und und und. Besonders
gefreut hat mich, dass ich am Stand des Neurowissenschaftsvereins für undergraduates
endlich mal ein echtes Gehirn in den Händen gehalten habe – nachdem wir in
Münster so viel darüber gelernt haben und sogar eines geknetet, habe ich nun
ein echtes gesehen. Diese Woche war ich nun bei ein paar
Informationsveranstaltungen und werde mich dann in den nächsten Wochen
entscheiden, ob und welchem Club ich mich anschließen möchte. Besonders
inspirierend fand ich den Verein „Miss Universe at Berkeley“ – obwohl,
vielleicht ist ein Club mit Inhalt doch interessanter.
| |
| das wunderschöne Sather Gate |
Einzig und allein eine Erkältung, die gestern ausgebrochen
ist, dämmt meine allgemeine Freude etwas. Doch abgesehen davon geht es mir nach
wie vor gut und ich genieße vor allem die Sonne und den Sommer hier!



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