Donnerstag, 19. Mai 2016

Jetzt also doch - der Kulturschock

Mein erster Praktikumstag war seltsam, die nächsten Tage nicht weniger verwirrend und frustrierend. Ich musste oft an die Cultural Adjustment Curve denken, bei der auf die Honeymoon-Phase die Krise folgt: der erste Kulturschock wurde bei mir sanft abgefedert - ob nun durch das familiäre Umfeld, die vielen europäischen Kontakte oder weil Arequipa sehr westlich geprägt ist - doch nun befinde ich mich mitten im zweiten, tiefergehenden Schock. Ich bin müde, rege mich innerlich schnell über Land und Leute auf, bin deprimiert und schnell frustriert. Von außen betrachtet mag es sogar durchaus interessant sein, wie deutlich sich nun meine westliche oder auch deutsche Prägung meiner Arbeitseinstellung zeigt, und wie sehr mich deswegen Unpünktlichkeit, Disziplinlosigkeit, Unstrukturiertheit und Ineffizienz, aber auch ein Laissez-Faire-Führungsstil und Macho-Überzeugungen aufregen.

 

Zunächst ein paar Worte zur Organisation selbst: Colectivo Integral de Dessarollo, die mittlerweile eigentlich Perspektiva heißen, ist eine NGO in ganz Peru mit vielen Zweigstellen, die junge Leute auf ihrem Weg zum eigenen Unternehmen unterstützt und so zur Entwicklung Perus und Lateinamerikas beitragen will. Dazu bietet CID mit dem Programm "Haz Realidad Tu Negocio" (Setze dein Geschäft in die Tat um) fünftägige Workshops für Menschen mit innovativen Ideen an, in denen mit einer selbstentwickelten Methodik ein Businessplan entwickelt und so die Unternehmensidee ausgereift wird. Für die Gruppe der bereits Berufstätigen und Erfahrenen werden spezifische Fortbildungen zum Beispiel in Marketing oder Finanzierung angeboten. Das Angebot ist kostenlos, lediglich das Teilnahmezertifikat und das Manual zum Kurs kann für 10 Soles erworben werden. Finanziert wird das vor allem durch die Banco Interamericano de Dessarollo. Nach den Kursen wird eine weiterführende Beratung angeboten, während der der Businessplan fertig gestellt wird, und einmal im Jahr finden in verschiedenen Städten auch Wettbewerbe statt, in denen die besten Businesspläne mit 500$ ausgezeichnet werden. Die Unternehmen sind meist kleine Geschäfte oder landwirtschaftlich geprägte Unternehmen und allgemein sind die gegründeten Untenehmen erfolgreicher als andere. Bis dahin klingt das alles erstmal super - deswegen habe ich mich ja auch für ein Praktikum bei CID entschieden. Doch meine bisherigen Erfahrungen decken sich nicht so ganz mit diesen Fakten...

Zum Büro der Organisation kann ich entweder 25 Minuten eine Hauptstraße laufen oder für 70 Centissimo einen Combi entlang der parallelen Hauptstraße nehmen. Im Keller eines Hauses befindet sich das Büro - fünf Schreibtische in drei kleinen, durch Glastüren getrennten Räumen.



Um 9 Uhr kam ich am Montag im Büro an, der peruweite Praktikumskoordinator hatte mir geschrieben, dass meine Kontaktperson der Geschäftsführer der Zweigstelle sein würde. Bisher saß einem der Schreibtische jedoch nur Edison, der mich begrüßte - mit Küsschen auf die Wange, wie hier üblich - und mich bat, auf einem der Sofas Platz zu nehmen. 15 Minuten später kam Eduardo an, der sich mit mir unterhielt, bis gegen 10 Uhr dann eine dritte Kollegin, Nanci, ankam, während Edison mittlerweile wieder verschwunden war. Eduardo rief nun mal bei Edilberto, dem Geschäftsführer an, um zu fragen, wann er kommen würde, die neue Praktikantin sei mittlerweile da - gegen halb 11. Eduardo deutete an, dass dies normal sei - intern gäbe es derzeit Probleme, da alle kämen und gingen, wann sie wollten, und von Edilberto wüsse das Team die meiste Zeit nicht, wo er sei, da er nicht mit ihnen redete. Unschlüssig sahen sich Eduardo und Nanci an, Eduardo müsse nämlich nun auch wieder los, und meinten, es sei voll sinnvoller, wenn ich nachmittags wieder käme. Also lief ich ab halb 11 etwas ziellos durch ein riesiges Einkaufszentrum und wieder zurück zu meinem Hotel und nutzte die Zeit, um im Greenpoint essen zu gehen - ein vegetarisches Restaurant, das mir von ausnahmslos jedem, der in Cusco gewesen war, empfohlen worden war. Tatsächlich war es von anderen Reisenden überfüllt, und da das Mittagsmenü, das nur 15 Soles kostet, aus einem Salat von der Salattheke, einer Gemüsesuppe, einem Hauptgang (Quinoarisotto mit Spinatpanzotti) und Nachtisch (Kartoffeltrüffel) besteht, verständlich.









Gegen 15.30 war ich wieder zurück im Büro, mittlerweile war auch Mauricio da, der vierte Kollege, und Edilberto, der mich flüchtig begrüßte und sonst kein weiteres Wort mir gegenüber verlor. Erst gab mir Eduardo allen Ernstes seinen Laptop, damit ich damit im Internet surfen konnte, doch zum Glück fand sich kurz danach eine Aufgabe für mich: die sich seit geraumer Zeit ansammelnden Teilnehmerfragebögen in eine Excelliste übertragen. Dadurch fiel auf einmal auf, dass ich gar keinen Laptop hatte - ich darf nun Mauricios verwenden, der seinen privaten nutzt, und da meist mindestens ein Teammitglied nicht anwesend ist, gibt es auch kein Schreibtischproblem. Um 17 Uhr war ich dann bei einem Workshop dabei, der eine Stunde überzogen wurde, und war um 20 Uhr schließlich fertig - mit der Arbeit und den Nerven. Selbst im Kurs gab es viele Zuspätkommer, am Ende saßen 18 Teilnehmer im Raum. Eduardo machte seine Sache an sich sehr gut, zu meinem Leiden machte er immer und immer wieder auf die vermeintlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern aufmerksam, die man unbedingt beachten sollte, wenn man ein Unternehmen aufmacht und dafür wirbt. Überzeugt brachte er ein, dass Frauen mehr reden und emotionaler sind, und natürlich durften auch Beispiele für sexistische Werbung nicht fehlen - Babys, um die Aufmerksamkeit von Frauen zu gewinnen und halbnackte Frauen, um die Aufmerksamkeit von Männern zu gewinnen, natürlich nicht ohne visuelle Beispiele auf dem Overheadprojektor. Er schien zu merken, dass ich am Ende nicht ganz überzeugt war, und vorsichtig formulierte ich, dass ich nicht ganz seiner Meinung gewesen sei, aber glücklicherweise wurden wir von einer Kursteilnehmerin unterbrochen und vertieften das Thema nicht weiter.

Am Dienstag war ich um kurz nach 9 Uhr im Büro und saß vor verschlossenen Türen. Um kurz nach halb 10 kam Eduardo, in der folgenden Stunde trudelten dann auch die anderen Kollegen ein - bis auf Edilberto, der war den ganzen Tag nicht anwesend. Ich übertrug ein paar weitere Fragebögen, dann fuhren Eduardo, Mauricio und ich in ein altes Kolonialgebäude, das heute als Militärstation dient, und die beiden versuchten, ihr Programm zu bewerben - oft ist der freiwillige Militärdienst eine Option für Schulabgänger, die kein Geld für die Universitäten haben oder keine Idee, in welche Richtung sie sich ausbilden wollen, und CID will Perspektiven für die Zeit nach dem Militär schaffen. Danach liefen wir zu einer Non-Proft Organisation, Cedna, mit der eine mögliche Kooperation besprochen wurde. Cedna bietet mehrmonatige Ausbildungskurse zur Verbesserung der sozioökonomischen Situation der ärmeren Bevölkerung Cuscos.
Mittags liefen wir in Richtung Altstadt zurück und meine dreistündige Mittagspause begann. Normalerweise sind die Arbeitszeiten 9-13 und 15-19 Uhr, doch per se kann man getrost noch ein wenig Zeit davon abziehen. Ich fand ein kleines alternatives Restaurant, Prasada, in dem psychedelische Festivals beworben werden und Reggae gespielt wird, und in dem es superleckere Burger und Säfte, zum Beispiel Mango-Maracuja-Ingwer, aus riesigen Gläsern gibt.



Nachmittags begleitete ich diesmal Edison und Mauricio zu ihrem Kurs, in der Hoffnung, dass dieser weniger Rollenklischees als Beispiele heranzog. Edisons Rolle blieb mir unklar, da er eigentlich die meiste Zeit draußen war, und Mauricio nutzte das Thema Marketing, um den zehn anwesenden Kursteilnehmern völlig überzeugt Halbwahrheiten und stereotype Annahmen aufzutischen: Männer lieben schnelle Autos, Frauen lieben Schuhe, Frauen brauchen länger zum Einkaufen und machen mehr Fotos von sich selbst, Frauen sind emotionaler und das lässt sich auch durch die verschiedenen Gehirne von Männen und Frauen erklären, und da Frauen mehr Zuhause sind, können sie besser Wohnungen auswählen. Alter Schwede, das war eine echte Härteprobe an meine Selbstbeherrschung.

Am dritten Tag hatte ich alle krakeligen Fragebögen übertragen, die voller Rechtschreibfehler und inhaltlicher Inkonsistenzen waren (Haben Sie finanzielle Ressourcen? Nein. Wenn ja, worin bestehen diese? Ersparnisse und Kredite.) und hatte die fehlerhaften Einträge meiner Kollegen ausgebessert. Bis dahin verstand ich die Organiation immer noch nicht ganz - und das lag auch, aber nicht nur an der Sprache. Ein Gespräch mit zwei Kollegen, das wir führten, als wir zu einem nahegelegenen Park spazierten, unter dem Vorwand, zu einer anderen Organisation zu fahren, ließ mich das Problem der Organisation zwar besser verstehen, mich aber auch hoffnungsloser werden. Nicht nur ich war mit den Führungsqualitäten unseres Chefs unglücklich, sondern auch die beiden. Sie hatten ebenso viel Einführung in die Themen wie ich bekommen, nämlich keine, und seither gab es weder klare Aufgabengebiete noch Zielvereinbarungen, regelmäßige Teamabstimmungen oder Feedbackgespräche - alles Komponenten, die ich in meinen bisherigen Praktika als selbstverständlich erlebt habe. Entsprechend machen sie das, was sie für richtig halten - das Ergebnis sieht man in den Workshopinhalten. Erleichtert hat mich, dass sie aber wenigstens selbst wahrnehmen, dass sie prokrastinieren - Musik hören, reden, Videos gucken, Facebook durchsehen oder spazieren gehen - und sich ihrer Unlust und fehlenden Motivation bewusst sind. Leider werden Gespräche und Vorschläge in Richtung oben abgeschmettert, ein kleiner Teufelskreis, und das Resultat: beide werden wahrscheinlich auch nicht mehr lange bleiben, da sie den gesamten Impact der Organisation mittlerweile anzweifeln. Uff.
Während eines Mittagessens an einem vegetarischen Stand und einem der superleckeren Säfte im Markt San Blas, der deutlich kleiner ist als der große San Pedro Markt, dachte ich nach, wie ich nun vorgehen sollte.






Weil die beiden mir empfohlen hatten, mir selbst eine Aufgabe zu überlegen und  eine Mitarbeiterbefragung vorgeschlagen hatten, beschäftige ich mich ein wenig mit der Idee als eine Möglichkeit, eine Veränderung zu erzielen, und fragte den Geschäftsführer per Mail - denn er war natürlich nicht im Büro - was er davon hielte. Überraschenderweise rief er mich umgehend an, und nachmittags setzten wir uns zusammen und er fragte, in welchem der Bereiche, die ich kennen gelernt habe, ich mitarbeiten will - Scherzkeks, ich kannte ja bisher nur die Kurse. Schließlich schlug er vor, dass ich die Durchführung und Auswertung der Persönlichkeitstests sowie die persönliche Beratung im Rahmen der weiterführenden Beratung nach den Kursen übernehmen könnte. Das klingt erstmal nicht schlecht, ab nächster Woche wird sich zeigen, wie das in der Praxis läuft.

Heute hat mich Edilberto mit zu einer Sensibilisierung in Sicuani genommen, eine Art Werbeveranstaltung für das Programm und erste Annäherung an die Möglichkeiten und Risiken bei der Geschäftsgründung. Insofern bin ich froh, das Gespräch mit ihm gesucht zu haben, vielleicht hat er auch auf ein wenig Eigeninitiative gewartet. Wir gingen davor sogar gemeinsam in einem vegetarischen Restaurant um die Ecke Mittag essen - für 7 Soles ein komplettes Menü aus Salat vom Buffett, Suppe, Hauptgang und Sojamilch oder Tee , Edilberto ist allerdings nicht der gesprächigste Zeitgenosse und tippt und telefoniert ständig auf seinem Smartphone herum - selbst wenn er isst oder Präsentationen hält. Mit zwei Mitarbeitern des Bildungsmimisteriums fuhren wir zweieinhalb Stunden nach Sicuani - dank rasanten Fahrstils des Fahrers, einer der beiden anderen, über die schlechten Straßen und vielen Bremsschwellen eine sehr rumpelige Angelegenheit. In Sicuani fand ich etwas, was einem Kaffee glich, und spazierte kurz über den Plaza, und gegen 16 Uhr begann der Workshop.





Leider waren nur etwa 25 Leute erschienen, obwohl das Arbeitsministerium das Event mitgetragen hatte, aber die Teilnehmenden schienen von Edilbertos Einführung in das Programm von CID angetan. Und ich verstand nun auch besser die Idee hinter der NGO (endlich, nach vier langen Tagen): in Peru ist die Quote der Unternehmensgründer, wie für weniger entwickelte Länder typisch, extrem hoch, der informelle Sektor ist darüber hinaus riesig. Die meisten Unternehmen sind sogenannte Mypes, also Mikrounternehmen. Allerdings gehen innerhalb der ersten Jahre die meisten Geschäfte wieder pleite. Und dort setzt CID an und versucht mit seinen Kursen, den typischen Fehlern bei der Geschäftsgründung vorzubeugen und die fehlende staatliche Unterstützung auszugleichen.




Ansonsten muss ich gestehen, dass ich bisher noch nicht dahinter gekommen bin, warum so viele Menschen Cusco viel besser als Arequipa finden und ins Schwärmen über diese Stadt geraten. Der Staub und die Abgase sind hier ebenso bei jedem Atemzug spürbar, der Verkehr ist massiv und laut (neben dem Hupen ist das Piepen der Autos beim Rückwärtseinparken wirklich unnormal laut), die Autos nehmen auch an grünen Ampeln und Zebrastreifen keine Rücksicht und fahren einem bis knapp vor die Füße, im Müll auf den abseits der Touristenpfade gelegenen Straßen wühlen viele streunende Hunde. Alles nicht anders als in anderen peruanischen Städten, die ich bisher kennen gelernt habe.
Noch dazu ist das Wetter schlechter - tagsüber ist die Sonne noch aggressiver und verbrennt mir schnell die nicht eingecremten Hautstellen, aber sobald sie untergegangen ist, fallen die Temperaturen im Verlauf der Nacht um bis zu 20 Grad nach unten. Ohne Heizung, die es ja nirgendwo gibt, wird das schnell unangenehm kalt. Und auch in Gebäuden, die die Sonne nicht aufzuheizen vermag, wie unser Büro im Keller, tragen die Leute immer ihre Jacken und bringen beispielsweise für die Kurse ihre eigenen Decken mit.
Und natürlich ist es hier nicht so einfach wie in der Sprachschule, Leute kennen zu lernen. Mein einziger Freund ist zur Zeit Julio der Hostelbesitzer, mit dem ich morgens und abends ein paar Sätze austausche. Das Hostel ist im Übrigen in Ordnung, bis auf das schrille Klingeln der Tür, das wegen der ankommenden Nachtbusse oder heimkehrenden Nachteulen jeden Morgen ab 6 Uhr beginnt.

Aber um nicht so negativ zu schließen: ich bin optimistisch, dass das alles nicht so bleiben wird. Wenn sich die Schatten der Wolken auf den Bergen bilden, ein Schamane auf einem Markt einer Menschengruppe ein Ritual zeigt, die Lichter der Stadt sich nachts die Berge hinaufziehen oder ich am trubeligen Plaza de Armas vorbeilaufe, weiß ich auch wieder, dass Cusco sehr schön sein kann.





Sonntag, 15. Mai 2016

¡Chao Arequipa, Hola Cusco!

Die letzte Woche in Arequipa ging viel zu schnell vorbei. Wir haben uns in meinen Spanischkursen und in der Gastfamilie viel über die bevorstehende Stichwahl unterhalten, da eine Umfrage am Sonntag ergeben hat, dass Fujimori derzeit etwas mehr Stimmen bekommen würde - was in den Augen vieler einer Katastrophe darstellt. Korrupte Medien scheinen schon jetzt Realität zu sein, aber sollte Fujimori tatsächlich gewählt werden, befürchten einige bevorstehende gravierende Einschränkungen der Meinungsfreiheit und eine Spaltung der peruanischen Bevölkerung.

In der Sprachschule haben diese Woche Michelle aus Australien und Timm und Sarah aus Freiburg und dem Saarland angefangen. Mit Michelle war ich fast jeden Tag Mittagessen - nachdem ich am Montag sehr guten Falafel im El Turko in einem schönen Altbau gegessen hatte, waren Michelle und ich am Dienstag auf dem Markt, wo wir Papas Rellenas, also mit Gemüse oder Fleisch gefüllte Kartoffeln, probierten und natürlich einen Saft tranken.



Am Mittwoch suchten wir vergeblich ein paar mittlerweile nicht mehr existierende Empfehlungen und endeten in einer Picanteria am Plaza de Armas, wo ich mediokren Soltero de Queso aß. Danach wurde ich meinem Prinzip untreu, in kein Restaurant zweimal zu gehen, und zeigte Michelle zwei meiner Lieblingsrestaurants: das Ratatouille - diesmal mit Rote-Beete-Vorspeise und natürlich dem Schokoladenkuchen mit flüssigem Kern und Mangosauce als Nachspeise, der fast soviel wie das Mittagsmenü selbst kostet - und das Crepissimo, wo ich diesmal einen Crepe mit Roquefort, Spinat und Champignons hatte.





Am Samstag probierten wir mit Timm und Sarah die Picanteria La Nueva Palomino in Yanahuara aus, in der ich Cuy, also Meerschweinchen, probierte, das eigentlich ganz lecker schmeckte und mit einer musartigen Nachspeise als Sauce serviert wurde - da wir die Karte kaum verstanden, war es für uns alle eine Überraschung, was sich teilweise auf unseren Tellern befand.




Ansonsten war die Woche relativ ruhig, ich habe mich viel durch die Straßen und Innenhöfe von Universitäten und Bibliotheken treiben lassen und gelesen - bis ich mein Kindle auf den Boden habe fallen lassen, das nun kaputt ist. Stattdessen habe ich mir in dubiosen Bücherläden für wenige Soles Bücher gekauft - kleinformatige Kopien auf dünnem Papier und schlecht illustrierten Covern - neben einem Roman von Mario Vargas Llosa einen klassischen Jugendroman und peruanische Märchen. Außerdem hat Sergej nun seinen Flug gebucht und wir haben unsere Reiseroute präzisiert - nun ist es also sicher, dass wir zusammen reisen! Da der Muttertag in Arequipa sehr groß gefeiert wurde habe ich meiner Gastmutter eine Blume geschenkt, am Mittwoch waren die derzeitigen deutschsprachigen Sprachschüler bei Max und Lula eingeladen, der Schulleitung. Max servierte selbstgemachte Pisco Sours und Snacks, einige Schweizer spielten Karten, wir begannen einen Film auf Schweizerdeutsch (Grounding - Die letzten Tage der Swissair), den wir aber nach der Unterbrechung durch das leckere Buffett wegen anhaltender Gespräche nicht zu Ende ansahen. Insgesamt war es neben der freundlichen Geste auch ein netter Abend, lediglich mit vielen einseitigen Diskussionen und provokanten Thesen, die das Ganze etwas anstrengend machten.



Am Donnerstag fand wieder ein kostenloses Konzert des Simphonieorchesters mit Stücken von Dankowski, Gorecki, Chopin und Mozart im Kloster Santa Catalina statt, das ich mir alleine anhörte, da meine potenziellen Begleiter allesamt gesundheitlich angeschlagen waren - diesmal spielte die Pianistin grandios, das Orchester jedoch umso weniger, aber witzigerweise saß abermals eine Psychologiestudentin aus Arequipa neben mir.



Bei ein paar Chilcanos im Deja Vu planten Timm, Sarah und ich am Freitagabend, am Samstag eine kleine Tour durch die Vororte Arequipas zu machen. Dafür mieteten wir für etwa vier Stunden ein Taxi, das uns zu unseren Destinationen fuhr: zum an einen wunderschön angelegten Park angrenzenden Mirador in Yanahuara, den ich beim Joggen am Dienstag und auf dem Rückweg aus der Stadt am Freitag schon entdeckt hatte, und der angrenzenden Kirche, die für eine Hochzeit geschmückt war; einer prunkvollen Kirche in Cayma im mestizischen Stil, die ebenfalls für eine Hochzeit vorbereitet war, einem Aussichtspunkt in Carmen Alto am Fuße des Chachani mit Panoramablick, nach Chilini, wo man den Lärm der Stadt nicht mehr hört und entlang der nach wie vor benutzten Inkaterrassen schlendern kann, einer weiteren prunkvollen und für eine Hochzeit geschmückten Dorfkirche und angrenzenden, nach wie vor benutzten Präinkaterrassen in Pacapuarta, Wochenendsausflugsorten mit einer Mühle in Sabandia und einem See in Tingo und schließlich zu einem Aussichtsturm in Sachaca - teilweise war das sehr schön, aber auch teilweise etwas seltsam unspektakulär, wie der kleine, schmutzige, künstlich angelegte See mit angrenzender Schwimmhalle und Kinderfreizeitpark. Insgesamt war es aber interessant, durch die vielen Wohnorte Arequipas zu kurven und so viele andere Seiten außer der prächtig-weißen im Zentrum zu sehen.













Leider hieß es nun auch schon wieder Abschiednehmen - erst von meinen Lehrern, und am Samstagabend von meinen neuen Freunden und meiner liebgewonnen Gastfamilie, die mich herzlich einluden, wieder bei ihnen zu bleiben und mit denen ich ganz sicher in Kontakt bleiben werde.

 


Diesmal war meine Abfahrt im gegenüberliegenden Terminal, denn ich hatte mir den Luxus gegönnt und im Voraus bei dem teuersten und sichersten Busunternehmen Cruz del Sur gebucht - für einen unschlagbaren Sparpreis von 49 Soles, also 13€, für die zehnstündige Nachtfahrt von Arequipa nach Cusco. Und tatsächlich: dieses Busunternehmen ist an Sicherheit und Luxus nicht zu übertreffen. Beim Einchecken gibt man das Gepäck ab und bekommt im Gegenzug ein zwingend notwendiges Abholticket, nach der Passkontrolle und einem Sicherheitscheck des Handgepäcks darf man in dem unternehmeneigenen Warteraum Platz nehmen. Schon bis dahin unterscheidet sich das Prozedere von den günstigeren Busunternehmen im anderen Terminal. Die Busse selbst sind modern, sauber und zweistöckig, verfügen auf jeder Etage über Toiletten, die Sitze sind breit und komfortabel und können weit nach hinten gelehnt werden, außerdem kann eine Beinstütze ausgeklappt werden, sodass man fast liegen kann. Kissen und Decken liegen bereit, Kopfhörer für das Unterhaltungsprogramm auf dem eigenen Bildschirm sowie eine warme Mahlzeit werden verteilt. Nach dem Einstieg werden alle Gäste sogar gefilmt, es sind stets zwei Busfahrer und Stewardessen an Board, und durch die Heizung wird es auch bei den Wegen über die Pässe nicht kalt. Ich habe im Grunde darauf gewartet, wann wir abheben, so sehr ähnelt es dem Fliegen. Allerdings war es zwischendurch übermäßig beheizt im Bus und zusammen mit dem starken Rütteln des Busses habe ich doch relativ unruhig geschlafen.




Gegen 7 Uhr erreichten wir den Busbahnhof in Cusco, beim Aussteigen lag mein Schlafsack nicht mehr in der Gepäckanlage. Ein paar panische Minuten später, in denen ich fast den ganzen Bus entlanggerobbt war, und schon anfangen wollte, die auf das Gepäck wartenden Reisenden zu fragen, ob jemand ihn aus Versehen mitgenommen hätte, kam ein Steward mit meinem Schlafsack in der Hand und meinte, er hätte doch unter meinem Sitz gelegen - was definitiv nicht der Fall war. Der erste Schreck war dennoch schnell vergessen und ich war nun wach, als ich in meinem Hostel anrief, weil niemand am Busbahnhof auf mich wartete - und gleich den nächsten Schrecken bekam, der Rezeptionist konnte meinen Namen nicht im System finden. Wieder mal war etwas mit meinen Buchungsdaten schief gegangen und mein Zimmer erst ab Montag frei - ab jetzt heißt es für mich also mehr Sorgfalt bei der Datenüberprüfung. Ich bekam zum Glück ein anderes Zimmer, und bis dieses hergerichtet war, einen Kokatee, schaute mir die Anlage an und lernte den Besitzer kennen: Julio, ein wahnsinnig netter Mensch, der mir alles zeigte und betonte, dass ich mich bei Sorgen und Problemen auch persönlicher Art jederzeit an ihn wenden könne. Er zeigte mir den Weg zum Plaza de Armas, der nur drei Blocks entfernt liegt, und der zwar größer als in Arequipa erscheint, aber meiner Meinung nach weniger prachtvoll ist. Die Regenblogenflagge Cuscos hat übrigens einen Farbstreifen mehr als die Flagge des Gay-Bewegung. Julio zeigte mir auch gleich die wichtigsten Straßen, Kirchen und Plätze, darunter auch eine Mauer eines ehemaligen Inka-Palastes Steine, die fugenlos verbaut und exakt aufeinander angepasst sind, allesamt mit verschieden vielen Ecken, ein Stein hat sogar 12, und lud mich im Markt San Pedro auf einen Saft ein, der hier nur halb so teuer wie in Arequipa ist.





Das Hostel selbst ist klein und liegt in einer engen Seitenstraße. Um den Innenhof gruppieren sich die dreizehn Zimmer und der Frühstücksraum, im Hinterhof gibt es einen großzügigen Garten mit vielen Bäumen und Pflanzen. Da das Hostel mit vielen Organisationen kooperiert, leben hier meist Freiwillige und Studenten wie ich, die längere Zeit in Cusco bleiben.







Mein erster Eindruck von Cusco war zunächst, dass es sich stark von Arequipa unterscheidet. Statt weißem Vulkangestein sind die Kirchen aus dunklem Gestein, die Häuser haben wegen des Regens Ziegeldächer, prachtvoll verzierte Balkone und oft blaue Fensterläden (ein Relikt aus der Zeit, in der Spanier dies als Symbol ihrer Überlegenheit und Blaublütigkeit ansahen). Trotz der vielen Plazas wirkt alles etwas ruhiger und kleiner, vielleicht auch wegen der Einbettung der Stadt in die mächtigen Anden, und es fällt deutlich auf, dass sich mehr Touristen in Cusco aufhalten - Tourismus ist tatsächlich auch die größte Einnahmequelle hier. Außerdem spüre ich die Höhe hier auch deutlicher, immerhin liegt Cusco in 3400 Metern Höhe. Cusco hat übrigens, wie ich heute gelernt habe, 350.000 Einwohner und ist die Hauptstadt der gleichnamigen Region, die so groß wie die Schweiz ist.

Gegen Mittag machte ich mich auf den Weg zu einer weiteren Free Walking Tour, die uns im Grunde zu den Plätzen führte, die mir auch Julio gezeigt hatte. Wir endeten in einem Laden, in dem wir Granadilla, Physalis und Cherimoya probieren durften, und da sich diesmal leider nichts mit der Gruppe ergab, lief ich alleine zurück zum Plaza de Armas. Das Wetter war dramatisch - trotz strahlenden Sonnenscheins und blauen Himmels regnete es über den Tag hinweg immer wieder leicht und am Himmel formierten sich düstere, dichte Wolken. Auf dem Weg zur San Pedro Kirche läuft man an etwa fünf weiteren, ähnlich aussehenden Kirchen vorbei, auf der Plaza San Francisco fand heute ein großer Markt statt. Die vielen Essensstände waren angeblich einwandfrei, und so wagte ich es und aß ein unglaublich gut zubereitetes, sauer und leicht scharfes Ceviche bei einem der kleinen Stände, und lernte dabei Alex aus Brasilien kennen, der mir gegenübersaß. In einem kleinen Becher gab es Leche de tigre, Tigermilch, die Marinade, mit der Ceviche zubereitet wird.




Gemeinsam zogen wir danach noch weiter, ein drittes Mal durch den großen Markt, dessen Dach ebenfalls von Eiffel konstruiert wurde. Wie in Arequipa werden hier Früchte, Gemüse, Fisch, Fleisch, Säfte, Blumen und viele weitere Waren verkauft und die Stimmung ist grandios. Ich kaufte mir eine leckere lokale Süßigkeit und ein paar Früchte, danach schlenderten wir durch ein paar Bücherstände und die Kunststände auf dem Plaza San Francisco durch die Menschenmenge und die Parade zu Ehren eines Heiligen zurück zu unseren Hostels.




Tagsüber ist die Temperatur warm, aber morgens und abends ist es deutlich kühler als in Arequipa und da es auch hier keine Heizungen gibt, werde ich mich für die Nächte dick einpacken müssen. Trotzdem ist mein Eindruck von Cusco ausgesprochen positiv und ich fühle mich bereits wohl und angekommen und freue mich, hier zwei Monate lang leben zu können und die Stadt so auch auf untouristische Art und Weise kennen zu lernen. Morgen ist mein erster Praktikumstag und ich bin schon sehr gespannt.