Montag, 9. Mai 2016

Inselhopping auf dem Titicacasee

Am Freitag nach der Schule nahm ich ein Taxi zum Busbahnhof Arequipas und stand 20 Minuten später in dem langgezogenen Busbahnhof, an dem sich unzählige Busunternehmen aneinanderreihen und laut ihre Destinationen schreien. Bei dem mir von Fabricio empfohlenen Busunternehmen San Christobal kaufte ich mir für 20 Soles plus 2 Soles Abfahrtssteuer ein Ticket nach Puno und wartete lesend und ein von der Fastfood-Kette Mammut gekauftes Avocado-Sandwich essend auf meine Abfahrt eine Stunde später. Erstaunlich pünktlich ging es um 15.45 Uhr mit nur 15 Minuten Verspätung los und durch die sich lange erstreckenden Ränder der Stadt, von kleinen, niedrigen, unfertigen Häusern gekennzeichnet, bis zum Pass Patapampa den mir vom vorherigen Wochenende bekannten Weg entlang, bis wir an einer Abzweigung nicht dem Weg nach Chivay sondern nach Puno folgten. Das wellenförmige Tal lag unter uns, am Horizont bestrahlte die untergehende Sonne den Himmel und die Berge, und mit der ansteigenden Höhe purzelten im Bus die Grade deutlich hinunter. Erst plapperte ein Mann in schnellem Spanisch und verteilte Bonbons, für die er nach einigen Minuten 1 Soles einsammelte, danach versuchte ein weiterer Mann eine geschlagene Stunde lang seine medizinischen Wunderprodukte an die Businsassen zu verkaufen. Anders als in den teureren Bussen wurden während der Fahrt immer wieder Passagiere vom Straßenrand aufgesammelt und mitgenommen, sowie Getränke- und Eisverkäufer, die nach einer Weile wieder ausstiegen. Schließlich wurde auf einem winzigen vergilbten Fernseher ein Actionfilm abgespielt. Nach Einbruch der Dunkelheit war das Lesen nicht mehr möglich, da die Lampen nicht funktionierten, und als ich einnickte, weckte mich meine Sitznachbarin liebenswerterweise, damit ich meine Lehne zurückstellte und mir nicht den Nacken verzog. Es war gut, dass ich mich gut mit ihr verstand, denn sobald sie eingeschlafen war, fiel sie immer wieder halb auf mich. Der Bus roch intensiv nach Essen und Kinder spielten auf voller Lautstärke mit ihren elektronischen Geräten. Der letzte Halt vor Puno war in Juliaca, eine große, düstere, kaputte Stadt mit Müll auf den Straßen, in dem herumstreunende Hunde wühlen, und dem ein oder anderen ausgebrannten Auto neben der Straße. Nach fast sieben Stunden war ich froh, als wir nach den vielen Stunden im Dunklen in dem Lichtmeer Puno ankamen und ich den Bus verlassen konnte. Ich verhandelte nicht lange mit dem Taxifahrer und wollte nur ins Bett kriechen. Vor einer Tür mit einem einfachen Papierschild ließ mich der Taxifahrer aussteigen, ich klingelte und wartete. Ein paar Momente geschah nichts, also klingelte ich nochmal. Wieder rührte sich nichts. Nach ein paar weiteren Klingel- und Klopfversuchen suchte ich in meiner Buchungsbestätigung die Nummer des Hostels heraus und rief dort an, doch es hob niemand ab. Irritiert blieb mein Blick an den Buchungsdaten hängen und langsam drang es zu mir durch: ich hatte das Bett für eine Woche später reserviert. Innerlich fluchte ich und ärgerte mich, dass ich wohl einmal zu wenig die Daten kontrolliert hatte, versuchte noch ein paar Mal erfogslos, in das Hostel zu kommen, und entschied dann, zum nächsten Hostel zu stapfen. Im Internet fand ich raus, das eines nicht weit von mir entfernt war, also machte ich mich durch die mir unbekannte Gegend auf den Weg und hatte Glück, problemlos konnte ich ein Dreibettzimmer für 27 Soles beziehen, in dem ich sogar alleine bleiben sollte. Die Reservierung des anderen Zimmers konnte ich aufheben, und trotz der Anzahlung von 5 Soles hatte mich der Zwischenfall so nichts gekostet und ich war erstaunt, wie einfach das Problem aus der Welt geschafft war.



 


Ab 4 Uhr morgens war der Lärm der Hauptstraße aus hupenden Autos und schreienden Marktverkäufern deutlich bis ins Zimmer vernehmbar, drei Stunden später nahm ich eine kalte Dusche, versuchte die Reste auf einem der Tische als Frühstück zu begreifen und rief nach dem Auschecken die Nummer der Agentur an, von der aus mich am Vortag jemand angerufen und gefragt hatte, wo mein Hostel sein würde, um mich für die Tour abzuholen. Ich fragte den Mann am Telefon, ob er meine SMS erhalten habe, dass ich nicht im vorgesehenen Hostel sein würde, sondern gewechselt hatte. Er bestätigte mir dies und versicherte, ich würde bald abgeholt werden. Ich wartete dreißig Minuten, als ich von der Frau am Vortag angerufen wurde, die mich fragte, wo ich sein würde, die gesamte Gruppe hätte eine halbe Stunde auf mich gewartet, aber ich sei nicht aufgetaucht, und nun seien sie zu spät dran und das sei meine Schuld. Überrascht erklärte ich ihr, dass ich in einem anderen Hostel sei und das auch weitergeleitet hätte, doch sie schimpfte nur weiter, forderte mich auf, sofort ein Taxi zum Hafen zu nehmen und legte auf. Mit einem Motortaxi machte ich mich auf den Weg und wurde auf dem Weg von diversen peruanischen Nummern angerufen, die auf Spanisch auf mich einredeten und bei denen ich nie zuordnen konnte, zu wem sie gehörten. Am Hafen traf ich den Tourguide Ruben, der sich nun seltsamerweise bei mir entschuldigte mit der Begründung, es sei soviel Verkehr gewesen, mich auf das volle Boot führte, in dem ich etwas peinlich berührt ganz hinten Platz nahm, und mir umgehend das Geld für das Motortaxi wiedergab. Nun wurde ich noch von meiner Reiseagentur in Arequipa angerufen, verstand aber durch die schlechte Verbindung kein Wort, versuchte mich trotzdem zu erklären und blieb am Ende ratlos, was gerade passiert war und was das Problem gewesen war, zurück.
Endlich ging es dann los, etwa 25 Minuten bis zu den Inseln der Uros. Die Inseln dieses Volks sind aus Schilf gebaut, weshalb der Boden weich und federnd ist. Traditionell gekleidete Frauen begrüßten uns auf einer der Inseln, und die Präsidentin der Insel sowie unser Tourguide erzählten uns auf Aymara, Spanisch und Englisch und unterstützt mit Modellen einiges zur Bauweise und Kultur der Inseln, wir durften ein Stück Schilf probieren und das Kunsthandwerk betrachten, anschließend blieb Zeit, um sich die Hütten der Bewohner und die Insel anzusehen - was in zehn Minuten erledigt war, denn die Insel wurde nur von fünf Familien bewohnt. Ein Teil unserer Gruppe machte mehr oder minder freiwillig eine kurze Rundfahrt auf einem der hübschen Schilfschiffe für 10 Soles, Danielle aus Kalifornien und ich genossen stattdessen die Aussicht und kauften uns auf einer anderen Insel Quinoa-Brot, auch peruanische Donuts genannt, und dann ging es etwa anderthalb Stunden durch den tiefblauen See, an Schilfpflanzen vorbei, zur nächsten Insel.










Nach zwei Stunden legten wir gleichzeitig mit gefühlt hundert anderen Touristen an der Insel Amantaní an, eine Insel mit etwa 4000 Einwohnern, und wurden unseren Gastfamilien zugeteilt. Ein älteres Paar aus Frankreich und ich sollten bei Adrian und seiner Familie lebten, also folgten wir ihm zu seinem Haus - und obwohl der Weg nicht besonders weit war, brachte uns der kleine Anstieg schwer aus der Puste und wir merkten deutlich, dass wir uns auf etwa 3800 Metern befanden. Gerade als wir im Haus angekommen waren, kam Ruben vorbei und bat uns die Familie zu wechseln, und als wir dort waren, war er auch nicht mit unserer Zimmerwahl einverstanden und bat die Franzosen und mich, unsere Zimmer zu tauschen. In dem kleinen Haus mit hübschen Räumen und Blick auf den Titicacasee lebten neben unserer Gastmutter Marisol  ihr 5-jähriger Sohn, ihre einjährige Tochter, die Oma und der Vater, der in Juliaca arbeitete. Elektrizität gab es jeden Abend für einige Stunden, fließendes Wasser allerdings trotz sanitärer Anlagen nicht, die Küche bestand lediglich aus einem kleinen Ofen in einer Nische. Als Gastgeschenke hatten wir Reis und Kekse mitgebracht, Marisol hatte für uns eine Art Kartoffelsuppe und frittierten Käse mit auf Amantani angebauten, kleinen Kartoffeln gekocht, danach gab es Coca oder Muña Tee, eine Art Minze. Die Kommunikation war etwas schwierig, da die Franzosen kaum ein Wort Spanisch oder Englisch sprachen und nur auf Französisch mit uns redeten , und so schlüpfte ich in die Rolle der Übersetzerin. Überrascht war ich, als Marisol mir erzählte, sie selbst sei so alt wie ich, 22.












Nach einer Stunde Ruhepause, in der sie uns ihre Handarbeiten zeigte, brachte Marisol uns zum Marktplatz, mit ihrem Baby in ein Tuch gewickelt auf dem Rücken und stets mit der Spindel in der Hand, wo wir den Rest der Gruppe wieder trafen. Fahrzeuge gab es auf Amantani nicht, und die Wege führten vorbei an kleinen Weiden und Feldern.






Ein Teil unserer Gruppe wanderte zu den beiden Tempeln auf der Insel, Ruben erzählte uns zwischendurch, dass die Insel in zehn Distrike unterteilt war, die Muttersprache Quechua und die in der Schule gelernte Sprache Spanisch war, und erklärte uns, welche Städte oder Inseln Perus und Boliviens wir am Horizont erkennen konnten. Die kurze, steile Wanderung war durch die Höhe erstaunlich anstrengend, doch die Aussicht vom Pachamama (Mutter Erde) auf 4150 Metern auf die Insel, den See und den gegenüberliegenden Tempel Pachatata (Vater Erde) war fantastisch, und obwohl sich die untergehende Sonne hinter Wolken versteckte, beleuchtete sie den Himmel doch in wunderbaren Farben. Vor allem die tiefe Ruhe und Stille auf der Insel erzeugte eine sehr friedliche Atmosphäre.







Mit Danielle und einer Dänin sowie zwei Kaliforniern und zwei Kanadiern verstand ich mich besonders gut. Im Dunkeln liefen wir zurück zum Plaza, wo unsere Gastfamilien uns in Empfang nahmen und, mit Taschen- oder Stirnlampen ausgestattet, zurück in die Häuser begleiteten. Beim Essen, Suppe und Reis mit einer leckeren Sauce und Tee, versuchte ich, etwas mehr über Marisol zu erfahren, und sie erzählte, dass sie gerne hier lebte, da ihr die Städte auf dem Festland zu laut, zu verschmutzt und zu kriminell seien. Außerdem erzählte sie, dass sie nur aller zwei Monate Gäste hätte, da es auf Amantaní ein rotierendes System zur Verteilung der Touristen gab. Eigentlich also eine sehr positive Form des Tourismus und Kulturaustausches - doch meine Zweifel, wie viel die Familien tatsächlich von uns profitierten und wie authentisch unsere Erfahrungen tatsächlich waren, konnten nicht vollkommen ausgeräumt werden. Gegen 20 Uhr brachte uns Marisol unser Outfit für das Fest am Abend. Mittlerweile war es sehr kalt geworden, und ich hatte bereits meine fünfte Schicht angezogen. Es kam mir etwas albern vor, darüber die traditionelle Kleidung anzuziehen, eine weiße bestickte Bluse, ein schwerer bunter Rock, ein farbenfroh bestickter breiter Gürtel sowie eine schwarze, ebenfalls bunt bestickte Stola, doch als wir zehn Minuten später in dem Haus ankamen, sah ich, dass alle Familien ihren Gästen die traditionelle Kleidung ausgeliehen hatte - außer unseren kanadischen Freunden, deren Familie davon wohl nichts gewusst hatte. Für die Männer bestand das Outfit aus einem Poncho und einer Mütze. Eine Band spielte südamerikanische Musik auf, die laut und schnell und schrill war, und sofort wurden uns von unseren Familien die in Gruppen getanzten Schritte dazu gezeigt und die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. Nach jedem Lied, das ewig dauerte, brauchten wir Nicht-Peruaner erstmal eine Pause, doch bald ging es wieder los und wir hüpften in Reihen und Kreisen auf und ab. Das französische Paar war bald müde und verabschiedete sich, doch wenige Minuten später fragte mich Marisol, wo die beiden seien, denn sie hätte zugesperrt - so eilten wir bereits gegen 21 Uhr nach Hause und trafen auf dem Weg Michel, der schon auf Weg zu uns war. Durch einige Schichten und einige Decken verbrachte ich trotz der Kälte eine ruhige Nacht.





Um 7 Uhr gab es am Sonntag Frühstück, bestehend aus zwei Pancakes und Marmelade aus der Plastiktube, und um 7.20 Uhr sollten wir am Hafen sein. Obwohl Ruben uns das viermal in Englisch und Spanisch erklärt hatte, hatten die Franzosen das wohl nicht verstanden, denn die wuselten trotz meines Drängens in aller Ruhe um uns herum und wir kamen natürlich viel zu spät am Hafen an - allerdings fand ich auf dem Rückweg meinen als verloren geglaubten Schal auf einer Wiese wieder. Auf dem Deck genossen wir die einstündige Fahrt nach Taquile, wo wir eine kurze Strecke zum Plaza bergauf liefen, was nun bereits deutlich einfacher wurde, der leer und alt wirkte.





Wir spazierten ein kleines Stück hinauf zu einem Panoramaausblick und trafen uns dann wieder auf dem Plaza, um auf einem wunderschönen Weg mit Blick auf den See zu einer Familie zu laufen, die für unsere gesamte Gruppe von etwa 24 Personen gekocht hatte. Zwischendurch hatten wir von einer Schafherde Fotos machen wollen, doch der Besitzer forderte 1 Soles pro Foto - ein immer häufigeres Phänomen. Im Hinterhof des Hauses der Familie erklärte uns Ruben die hier geltende Kleiderordnung - die Farben und Tragweise der Mützen bei Männern und die Rockfarbe und Pompongröße an der Stola bei Frauen gibt Auskunft über Beziehungsstatus der TrägerInnen - und der Sohn des Hauses zeigte uns, wie man aus einer Pflanze natürliches Shampoo herstellt. Dieser zur Schau stellende Charakter hatte mir schon auf den Inseln der Uros nicht gefallen, und ich hoffte lediglich, dass die Familien sich nicht blöd vorkamen, uns ihre Handarbeiten, Kultur und Kleidung vorzuführen. Nun stellte sich heraus, dass das Essen nicht für alle inklusive war, so musste auch ich nochmal 20 Soles zahlen - allerdings gab es dafür neben einer Rocoto-Mischung, Brot und Quinoa-Suppe eine frisch gefangene, gebratene Forelle und Tee.



 






Gegen Mittag bestiegen wir wieder unser Boot und schipperten, lesend oder dösend, die nächsten drei Stunden durch den wunderschönen See bis nach Puno, wo wir mit einem Bus zu unseren Hostels gebracht wurden und ich mich am Plaza de Armas absetzen ließ. Enttäuschend klein, leer und unspektakulär lag er da, deckte sich allerdings mit meinen bisherigen Eindrücken von Punos Straßen. Vor der Kathedrale traf ich witzigerweise Or aus Arequipa und gemeinsam mit seiner Begleitung sahen wir sie uns kurz von innen an, gingen in den hübschen Hinterhof eines der ältesten Wohnhäuser nebenan, das sonntags leider geschlossen hat, und hatten somit die Highlights Punos gesehen.





Ernüchtert gingen wir zurück in das Hostel der beiden, in dem auch die beiden Kanadier waren und ich auf Danielle warten wollte, doch nach einer halben Stunde brach ich auf - und traf Danielle, die gerade aus dem Taxi stieg, das ich nun zum Busbahnhof nahm. Die ersten drei Busunternehmen boten nur späte Abfahrten an, doch bei der vierten, wieder San Christobal, hatte ich Glück und der Bus sollte sofort abfahren - in diesem Fall kamen mir die 15 Minuten Verspätung zugute. Sechs Stunden und zwei anstrengend laut abgespielte Actionfilme später endete mein Titicaca-Ausflug. Obwohl der See und die Landschaften wunderschön, meine Mitmenschen liebenswert und die vielen Einblicke in die einzigartige Kultur der indigenen Bevölkerung auf dem See interessant waren und die Erfahrung somit einmalig, sehe ich die gesamte Tour wegen ihres kommerzialisierten, beizeiten oberflächlichen und beinahe unauthentischen Charakters nach wie vor kritisch und würde wahrscheinlich empfehlen, statt einer Tour die Inseln mit mehr Zeit und Vorausplanung selbstständig zu besuchen. Ich freue mich deswegen schon jetzt, im Juli oder August die bolivianische Seite des Sees zu erkunden.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Von tiefen Schluchten, heißen Quellen und vereisten Mumien

Am Samstag um halb 4 morgens sollte die Fahrt in den Colca Cañon beginnen, kurz vor 4 Uhr stieg ich dann tatsächlich in den bereits mit müde dreinblickenden Reisenden gefüllten Combi. Nach einer kurzen Begrüßung versuchten alle Insassen die Augen zuzumachen, doch die vielen durch die Straßenqualität bedingten Beschleunigungen und Bremsungen, das scheppernde Metall und das Wackeln und Vibrieren des Fahrzeugs machten dies fast unmöglich. Als ich drei Stunden später die Augen endgültig aufmachte, schlängelten wir uns bereits Serpentine für Serpentine den Cañon hinunter, bis in die Hauptstadt des Colca Valleys: Chivay - ein trostloses Fleckchen inmitten von Nichts, in dem 80% der etwa 5000 Einwohner vom Tourismus leben. In einem winzigen Restaurant gab es für uns ein einfaches Frühstück, dann ging es nochmal anderthalb Stunden weiter zum Cruz del Condor. Sobald man die vielen Busse und fotoschießenden Touristen einmal ausgeblendet hatte, war es ein sehr schöner Ort: direkt unter einem Felsen saßen einige Kondore, und immer wieder erhoben sie sich und ließen sich von der für sie vorteilhaften morgendlichen Thermik durch die tiefen Schluchten des Cañons treiben, teilweise direkt über unsere Köpfe hinweg, was aufgrund ihrer enormen Flügelspannweite von mehr als drei Metern zu vielen "Ah"s und "Oh"s führte.



 


 

Nach 40 Minuten stiegen wir nochmal kurz in den Bus und wurden dann nacheinander abgesetzt und unseren Guides zugeteilt. Neben Roger, meinem Guide für die nächsten Tage, waren vier Freunde in ihren Siebzigern aus Neuseeland, zwei Frauen aus Frankreich und zwei aus Deutschland dabei. Nach einer kurzen Erläuterung über den Cañon sowie das Verhalten im Erdbebenfall begannen wir unsere Wanderung. An dieser Stelle war der Cañon bis zum Fluss einen Kilometer tief, und diese Strecke liefen wir auf schmalen, steilen und staubigen Wegen stetig im Zick-Zack bergab. Der Weg war voller kleinem Geröll, das einen schnell ausrutschen ließ und somit das Laufen deutlich entschleunigte, und die Sonne brannte unentwegt auf uns herab. Bald hatten Alicia und Jessica aus Nürnberg und ich einen Vorsprung zu den anderen, und konnten kleine Pausen zum häufig notwendigen Aufbessern der Sonnencremeschichten einlegen.






  

Unten angekommen überquerten wir über eine Brücke den Fluss, stiegen nach Eintreffen unserer Gruppe einen kurzen steilen Weg hinauf und befanden uns auf einmal inmitten saftigen Grüns, das im krassen Kontrast zum trockenen Staub des bisherigen Wegs stand. Der steinige Weg führte mit Blick auf die massiven Felsen und den tosenden Fluss an Wiesen vorbei durch Baum- und Kakteenlandschaften, ergänzt durch Maisfelder und bunte Blumen und endete in unserer sogenannten Lodge in San Juan. Neben ein paar einfachen Lehmhütten gab es eine gemeinschaftliche Hütte, einen kleinen Laden, in dem man Wasser für 4€ kaufen konnte, und ein kleines Waschhäuschen mit zwei Duschen, zwei Toiletten und einem außen angebrachten Waschbecken. Nachdem wir zu Mittag gegessen hatten - nach der Quinoa-Suppe bestand die vegetarische Option für mich aus Reis, Pommes und einer halben Avocado - genossen wir eine durch Sonnenstrahlen ermöglichte warme Dusche, schüttelten den Staub aus unseren Sachen und genossen im Gras sitzend die letzten Sonnenstrahlen. Doch sobald die Sonne gegen 17 Uhr hinter den Felsen verschwunden war, wurde es merklich kühl und wir entschieden uns, uns kurz hinzulegen - und wachten allesamt erst zum Abendessen um 19 Uhr wieder auf. Nach einer Nudelsuppe gab es ein leckeres Stück überbackener Süßkartoffel mit Reis und anschließend eine Tasse Tee. Mit den quirligen und offenen "Kiwis", wie sie sich selbst nannten, verstanden sich Alicia, Jessica und ich auf Anhieb, doch mit den beiden Französinnen war der Anfang holpriger, da deren Fremdsprachenkenntnisse äußerst gering waren - trotz Berufstätigkeit in vermeintlich internationalen Unternehmen. Als wir in unsere Hütten zurückkehrten, schaute ich in den Himmel, und war sprachlos - noch nie hatte ich einen so vollen und hellen Sternenhimmel gesehen. Beim Zähneputzen konnte ich den Blick nicht von den Sternen abwenden und wurde mit einer Sternschnuppe belohnt. In unserer Hütte entzündeten wir die Kerze, die unsere einzige Lichtquelle war, schlüpften in unsere Schaumstoffbetten, ich packte mich noch in einige Schichten, um die Kälte zu vertreiben, und schliefen früh ein - bei der durchdringenden Dunkelheit fühlen sich die Stunden nachts immer schon später an.


 














 

Am nächsten Morgen starteten wir nach einem fabelhaften Pfannkuchenfrühstück gegen 8 Uhr unsere Weiterreise und liefen die folgenden zweieinhalb Stunden Wege hinauf und hinunter, entdeckten dabei Cherimoyabäume und Aloe Vera-Pflanzen, kleine nahe und große ferne Wasserfälle, kleine weiße Pünktchen auf Kakteen, die eigentlich Insekten sind und die beim Zerdrücken roten Farbstoff zum Färben von Kleidung und Kosmetik hergeben, sprangen immer wieder über einen unseren Weg kreuzenden Bach und erblickten schließlich unten im Tal eine unnatürlich grüne Anlage mit vielen Bungalows und sich deutlich abhebenden türkisfarbenen Swimmingspools. Diesmal kaute ich auf Empfehlung der anderen auf ein paar Kokablättern herum, und tatsächlich fühlte ich mich besser als am Vortag - vielleicht war der Weg aber auch schlicht einfacher. Ich werde mir nochmal frischere Blätter besorgen, denn auch bei höhenbedingten Problemen, Kopfschmerzen oder Kurzatmigkeit sollen sie Linderung verschaffen. Auf dem letzten Stück wanderte ich wieder für mich allein, da Jessica und Alicia vorauseilten und der Rest der Gruppe gemächlicher lief, wodurch ich die Ruhe und Schönheit meiner Umgebung noch mehr genießen konnte. Am gegenüberliegenden Hang ließ sich bereits der Weg für den Folgetag erkennen, der sich in Zick-Zack-Linien den Berg hinauf erstreckte.



 

Unten angekommen überquerten wir erneut den Fluss und wenige Minuten später erreichten wir mit ungläubigen, lachenden Gesichtern die sogenannte Oase. Wunderschön angelegt befand sich inmitten von Palmen, einem künstlichen Wasserfall und perfekt an einen Felsen angefügt ein großer Swimmingpool. Schnell bezogen wir unsere Lehmhütten und sprangen dann allesamt ins kühle Nass und sonnten uns bis zum Mittagessen - Suppe und Reis mit Kürbissauce - auf dem Felsen, dösten im Rasen oder baumelten in den zwischen Palmen angebrachten Hängematten. Als die Sonne schon fast hinter den Felsen verschwunden war, kamen die Wanderer in der Anlage an, die sich für die Zweitagestour entschieden hatten, an diesem Morgen die gesamte Tour begonnen hatten und nach dem Mittagessen in San Juan noch hierher gekommen waren - und wir waren froh, durch die Dreitagestour so viel Zeit zum Entspannen gehabt zu haben. Die Zeit bis zum Abendessen - diesmal Suppe und Nudeln mit Tomatensauce - verbrachte ich wieder mit Jessica und Alicia, und nach dem Abendessen setzte sich unser mittlerweile betrunkener und enorm anstrengender Tourguide zu uns und wiederholte die Anweisungen für den nächsten Tag zwanzigmal, nicht ohne durchblicken zu lassen, wie genervt er von uns war. Da die Anlage diesmal größer und entsprechend an mehr Ecken dunkel war, ärgerte ich mich noch mehr als am Vortag, meine Stirnlampe in Arequipa vergessen zu haben. Vor 21 Uhr lagen wir bereits in unseren Betten. Wieder bestanden die Unterkünfte nur aus Lehmhütten ohne Elektrizität, in denen sich außer den Betten nichts befand - außer ein paar kleine Mitbewohner, die wir auf verschiedentliche Art kennen lernten. Die Asseln, Spinnen und Wanzen sahen wir noch vorm Einschlafen, die Bettwanzen oder Flöhe identifizierte ich am nächsten Morgen durch die zehn in einer Reihe angeordneten Bisse am Handgelenk.

 
 

Am Montag stand ich um halb fünf auf, traf auf meinen schlechtgelaunten Tourguide und wurde von ihm gebeten, mich den anderen Gruppen auf dem Weg die Schlucht hinauf anzuschließen, da er noch auf die vier Neuseeländer warten würde - der Rest unserer Gruppe hatte sich entschieden, auf Eseln den Weg hinaufzureiten. Mit meiner Taschenlampe beleuchtete ich den Weg vor mir und folgte den tanzenden Lichtern derer, die sich vor mir auf den Weg gemacht hatten. Von Anfang an ging es steil bergauf, und außer den wenigen Metern vor mir ließ sich in der Dunkelheit nichts erkennen. Nach etwa einer halben Stunde begann die Dämmerung, und schon bald konnte man ohne Lampe den Weg im Halbdunkel erkennen. Schritt für Schritt stapfte ich weiter, etwas besorgt, den Weg nicht in der vorgegebenen Zeit von drei Stunden zu schaffen - unser Guide hatte uns am Vorabend eingetrichtert, wie wichtig das Einhalten der Zeitspanne war, und hatte die Neuseeländer, aufgrund der Knieprobleme der einen von ihnen, gedrängt, auf einem Esel zu reiten, was diese jedoch nicht angenommen hatten. Doch meine Sorge wurde kleiner, als ich bald die erste Gruppe passierte und bald darauf die zweite. Trotzdem ärgerte ich mich, dass in den letzten drei Praktikumsmonaten in Deutschland mein Fitnesslevel so stark eingebüßt hatte. Am Horizont bot sich derweil eine atemberaubende Sicht auf die von der aufgehenden Sonne beleuchteten Berggipfel.

 

In der zweiten Gruppe, die ich traf, fragte ich nach, ob jemand wüsste, wie weit wir wohl noch vom Ziel entfernt waren - die Hälfte hätten wir bereits errreicht, und von nun an wäre der Weg auch deutlich einfacher zu bewältigen, da er weniger steil sein würde. Pustekuchen! Weiterhin war der Weg steil und bestand größtenteils aus großen Steinen, über die ich manchmal beinahe klettern musste.

 

Kurz nachdem mich Alicia und Jessica auf ihren Eseln überholt hatten, hatte ich das Ende des Weges auch erreicht und konnte den Ausblick genießen. Kurz nach 8 Uhr erreichten uns auch unsere Kiwis mitsamt dem Guide, und nach einem stolzen Gruppenfoto stapften wir gemeinsam über weite Felder nach Cabanaconde, wo wir frühstückten und uns danach in Combis aufteilten, um den letzten Teil der Tour zu starten.






 

Nach etwa 30 Minuten erreichten wir unseren ersten Stopp, von dem aus wir einen atemberaubenden Panoramablick auf das Colca-Tal, viele Dörfer und unzählige Prä-Inka-Terrassen hatten, und auch den Berg erspähten, der die Quelle des Amazonas bildet.


 

Unser zweiter Stopp führte uns zu natürlichen heißen Quellen, in denen wir unsere Muskeln entspannen konnten. Von badewannenwasserwarm bis qualmendheiß waren in den Becken alle Temperaturabstufungen vertreten, und in Verbindung mit dem kalten Flusswasser bedeutete dies eine Stunde natürliche Wellnesserfahrung.

 

In Chivay besuchten wir ein Restaurant, in dem die einzelnen Gerichte sicherlich nicht unabsichtlich so teuer waren wie das Buffet, und so schlugen wir uns für 30 Soles die Bäuche voll und probierten uns durch die gebotenen peruanischen Köstlichkeiten - Ceviche, überbackene Süßkartoffeln und Zucchini, grüner Gemüsereis, Guacamole, Fisch und allerlei Eintöpfe. Vor unserer Weiterreise mussten wir von unseren liebgewonnen Neuseeländern Abschied nehmen, und fuhren dann in zahllosen Serpentinen hinauf nach Patapampa, der höchsten Stelle des Valle de Colcas in etwa 4900 Metern Höhe, von wo wir fröstelnd eine fantastische Sicht auf die umliegenden schneebedeckten und teils aktiven qualmenden Vulkanberge genossen, darunter der Ampato und die Rückseite des Misti und Chachani.


 

Auf dem Rückweg hielten wir ein letztes Mal, um die unzähligen Lamas und Alpakas weiden zu sehen - darunter auch süße Baby-Alpakas - und machten uns dann endgültig auf den Weg nach Arequipa, während dem wir auch ein paar Vicunas weiden sahen, die anders als Lamas und Alpakas nicht domestizierbar sind.


 

Den Rest der Woche verbrachte ich mit täglich fünf Stunden Spanischunterricht, um die verpassten Montagsstunden auszugleichen und mit - wer hätte es erwartet - leckerem Essen: ob nun ein Menü in einem vegetarischen Restaurant, ein Crêpe aus einem kleinen, liebevoll und einfach gestalteten französischen Café, den typischen kleinen Alfajores, einer Pizza in einer Pizzeria in Cayma zusammen mit zwei älteren Frauen aus Holland und der Schweiz, die auch an meiner Sprachschule Spanisch lernen oder ein Mittagsmenü in einer tollen Pícanteria in einem wunderschön mestizistisch gestalteten Innenhof nahe des Plaza de Armas.






 

Heute habe ich spontan einen kleinen Kulturnachmittag eingelegt. Im Vorübergehen entschloss ich mich, mir die Iglesia de la Compañía mit der großartigen Fassade von innen anzusehen - prunkvoll und voller Blattgold verzierte Altäre, außerdem ein Gemälde des letzten Abendmahls, auf dem Mais auf dem Tisch liegt. Bei der Free Walking Tour hatte unser Guide uns empfohlen, uns auch die San-Ignacio-Kapelle anzusehen. Erst wollte ich schon fast nicht die 4 Soles Eintritt bezahlen, doch nachdem ich die Kapelle betreten hatte, war ich völlig bezaubert von der Schönheit dieser Kapelle, in der das Fotografieren nicht erlaubt war. Vom Boden bis zur Kuppel erstreckten sich die flächendeckenden, tropisch anmutenden, bunten Fresken und stellten Pflanzen, Früchte und Blütenranken, Ornamente und Vögel, die Engel symbolisieren, dar, neben den Geistlichen waren ein Affe, ein Kondor und ein Esel gemalt.

Nach dieser wunderbaren Entdeckung spazierte ich in das Museo Santuarios Andinos, in dem die 1995 gefundene Mumie Juanita ausgestellt wird. Im ersten Raum wurde den Besuchern zunächst ein Film gezeigt, der die Entdeckungsgeschichte spannungsvoll erzählt, danach führte mich ein Guide privat durch die Ausstellung, da sich sonst niemand für die deutsche Führung gemeldet hatte. Neben vielen erstaunlich gut erhaltenen Kleidungsstücken, Tüchern, Statuen und Gebrauchsgegenständen der Inka befand sich im letzten Raum, in einer Art Kühltruhe aufbewahrt, die mit etwa 12 Jahren den Berggöttern geopferte Juanita, die durch ihr eisiges Begräbnis noch nach 500 Jahren menschliche Züge hat, Haare besitzt und einen Arm aus Fleisch und Blut. Bis heute wurden übrigens 18 Kinderopfer aus Zeit der Inka auf Andenbergen gefunden.

Zu guter Letzt habe ich nicht nur über die Inka-Kultur mehr gelernt, sondern in Gesprächen mit meinen Spanischlehrern und meiner Gastfamilie auch viel über die aktuelle politische Situation in Peru erfahren - mit  Hauptproblemen im Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung, der Bildung, öffentlicher Sicherheit, Korruption und sozialer Ungleichheit - sowie auch über die grobe Situation in anderen Staaten Lateinamerikas sowie Einzelheiten über den Wahlprozess und das Schulsystem, was natürlich wahnsinnig spannend war. Interessant finde ich beispielsweise, dass in Peru die Wahlpflicht besteht - kann man bei der Wahl erhaltene Sticker auf seinem Ausweis nicht vorweisen, kann man das Land nicht verlassen, keinen Arbeitsvertrag unterschreiben und erhält auch keinen Kredit bei einer Bank. Am 5. Juni, also in einem Monat, wird in Peru eine Stichwahl zwischen dem eher neo-liberalen Pedro Pablo Kuczynski und der rechts-konservativen Keiko Fujimori stattfinden, deren Vater der Ex-Präsident Alberto Fujimori ist, der wegen Korruption und mehreren Menschenrechtsverletzungen derzeit im Gefängnis sitzt, und die beispiels- und schockierenderweise für die Einführung der Todesstrafe eintritt und in der Wahl vorne lag.

Morgen fahre ich nach Puno und verbringe das Wochenende am Titicacasee, dem höchstgelegenen kommerziell schiffbaren Gewässer der Welt auf einer Höhe von 3812 Meter und zugleich zweitgrößten See Südamerikas - ich freue mich schon!